Kapitel I - Systematik
Der Wolf (Canis Lupus - Linné 1758)
I.1 Zusammenfassung
Dieses Kapitel befasst sich mit Erkenntnissen zu den
Verwandtschaftsverhältnissen der Caniformia (einer Untergruppe der Carnivoren). Ausgehend
von den Miacoiden als ältesten Vertretern wird derjenige Zweig der Carnivora betrachtet,
dem auch der Wolf (Canis lupus - Linné 1758) angehört. Nach einer historischen Betrachtung
werden die rezenten Gattungen der Canidae und Arten der Canis benannt und ihre
Verwandschaftsverhältnisse graphisch und tabellarisch dargestellt. Darauf folgend wird auf
die Unterarten des Canis lupus und den Canis rufus eingegangen.
Den Abschluss bildet eine kurze Klassifikation des Wolfs sowie eine Übersichtskarte der
Verbreitung seiner Unterarten einschließlich des Canis rufus und Canis familiaris dingo.
I.2 Eine kurze Geschichte von den Vorfahren und Verwandten der Grauwölfe.
I.2.1 Systematik der hundeartigen Carnivoren (Ordnung: Carnivora; Unterordnung: Caniformia)
Innerhalb der Klasse der Mammalia gehören jene der Ordnung der Carnivora an, mit mächtigen Kiefern und Zähnen, angepasst Fleisch zu reißen, abzutrennen und fressen
([1], eigene Übersetzung).
Unter den ältesten dieser Ordnung sind die Miacoiden, eine wahrscheinlich polyphlyletische
Gruppe, die nahe mit den anderen frühen Carnivoramorphen verwandt ist ([2]). Sie waren Sohlengänger mit kurzen, stämmigen Beinen und lebten vermutlich in Bäumen
(WANG & TEDFORD [3]).
Vulpavus ovatus, ein primitiver Vertreter dieser Familie, kann z.B. im Amerikanischen Naturkundemuseum ([4]) gesehen
werden, das auch zahlreiche Veröffentlichungen und andere Ausstellungsobjekte zu den frühen
Carnivoren besitzt.
Ungefähr vor 43 millionen Jahren spalteten sich die Carnivorae in die zwei Unterordnungen
der Caniformia (hundeartig) und Feliformia (katzenartig) auf ([5]; Teilweise auch als die Superfamilien der Canoidae und Feloidae bezeichnet (gleiche
Übersetzung - siehe [6]).
Die Feliformia umfassen alle Felidae (Katzen), Hyaenidae (Hyänen), Herpestidae (Mungos) und
Viverridae (Schleichkatzen). Caniformia schließt die Canidae (Hunde), Mustelidae
(Marderartige: Wiesel, Nerze, Otter, ..), Ursidae (Bären, Großer Panda), Procyonidae
(Kleinbären, wie Waschbären und Roter Panda) und die drei Familien der Pinnipedia (Im Meer
lebende Carnivoren wie Robben, Seelöwen, ..) ein.
Die Caniden (Familie Canidae - Hunde) sind dabei die ältesten Vertreter der Gruppe der
Caniformia. Sie unterscheiden sich primär durch durch eine gedehnte Mittelohrkammer
('inflated entotympanic bulla'), die durch eine partielle Wand zwischen der inneren und
äußeren Naht getrennt wird. Weitere Charakteristika sind der Verlust einer Aterie des
Hammers und die mittlere Position der vorderen Schlagader (carotid artery
) zwischen
Innenohr und dem umgebenden Knochen ([16]). Obwohl - im Gegensatz
zu späteren Vertretern dieser Familie - teilweise noch Sohlengänger zeigen frühe Canide erste Ansätze terrestrischer Fortbewegung
(Meine Übersetzung - [3]). Alle anderen Familien der Unterordnung Caniformia sind in der Infraordnung
Arctoidae zusammengefasst.
I.2.1.1 Verwandtschaftsverhältnisse der Carnivora ([5], [6])
Fett - Name der Gruppe
In Klammern - Vertreter bzw. Übersetzung des Namens
- Ordnung: Carnivora (Carnivore)
-
- Unterordnung: Feliformia (Katzenartige)
-
- Familie: Felidae (Katzen)
- Familie: Hyaenidae (Hyänen)
- Familie: Herpestidae (Mungos)
- Familie: Viverridae (Schleichkatzen)
- Unterordnung: Caniformia (Hundeartige)
-
- Familie: Canidae (Hunde, Füchse)
- Infraordnung: Arctoidae
-
- Familie: Mephitidae (Stinktiere)
- Familie: Mustelidae (Marder, Dachse)
- Familie: Procyonidae (Waschbären)
- Familie: Ursidae (Bären, Pandas)
-
- Familie: Phocidae (Pinnipedia)
- Familie: Otariidae (Pinnipedia)
- Familie: Odebenidae (Pinnipedia)
Die Angaben auf dem Zeitstrahl sind in Millionen Jahren vor unserer Zeit.
Vertikale Linien zeigen Aufspaltungen um einen entsprechendem Punkt.
Alle Familien haben rezente Vertreter.
I.2.2 Die Caniden (Canidae)
Die Caniden evolvierten wahrscheinlich in Nord Amerika. Die ältesten Gattungen der
Caniden sind zu den Unterfamilien Hesperocyoninae (Siehe Hesperocyon [3]) und Borophaginae (u.a. Cormocyon und der Tomarctus [3], [7] - eine rund 15 Millionen Jahre alte
Spezies) zusammengefasst. Unter ihnen ist der Hesperocyon wahrscheinlich der älteste aller
Hunde und am nähesten verwandt mit einer Gruppe früher Carnivoren: den Miacoidae. Sie
könnten die zentrale Rolle einer Zwischenstufe vom gerade noch sohlengängigen Miacoiden zum
späteren, voll zehengängigen terrestrischen Caniden gespielt haben. Hesperocyon zeigt erste
Anpassungen einer erdgebundene Fortbewegung, hat aber immernoch kurze und stämmige
Gliedmaßen. Etwas jünger sind die rund 36 Millionen Jahre alten Borophaginae, die in
Nordamerika die größte Variation an Gattungen - vom Omnivoren hin zu reinen Carnivoren mit
Kiefern zum Knochenbrechen - erzielten und teilweise Ähnlichkeiten zu den Entwicklungen der
Procynoidae auf der einen Seite und den Hyaenoidae auf der anderen aufwiesen ([16]).
TEDFORD ([3]) zufolge sind die nächsten
evolutionären Schritte der Verlust der Clavicula (Schlüsselbein), eine gerade Elle (Ulna)
und nichteinziehbare Krallen (zehengängige Cormocyon und Tomarctus) und verlängerte
Gleidmaßen, die zu einer vollständig terrestrischen Lebensweise zwingen (Leptocyon -
älteste Gattung der Unterfamilie der Caninae).
Graufüchse (Urocyon cinereoargenteures), Marderhunde (Nyctereutes procynoides) und
Löffelhund (Otocyon megalotis) gehören zu den ersten rezenten Gattungen der Caniden. Ihnen
folgen die drei Füchse: Rotfuchs (Red Fox (Vulpes), Eis- und Steppenfüchse (Alopex) und
Fennek (Vulpes zerda [16])). Sie gehören der
Gruppe der Vulpini (Fuchsartigen) an. Alle folgenden Gattungen der Canidae werden zur
Gruppe der Canini gezählt.
Beide Gruppen und der Leptocyon werden zu den Caninae zusammengefasst, die sich von
früheren Canidae insofern unterscheiden, als dass sie vollständige Zehengänger sind. Dieser
Zweig spaltete sich vor rund 32 Millionen Jahren im frühen Oligozän von den heute
ausgestorbenen Borophaginae ab ([4]). Die Trennung
von Vulpini und Canini geht auf den ausgestorbenen Eucyon zurück und fand wahrscheinlich im
Miozän vor rund 12 Millionen Jahren statt. Rezente Gattungen der Canini entwickelten sich
aber erst vor rund 8 Millionen Jahren gegen Ende des Miozäns. Eine Unterscheidung der
beiden Gruppen ist durch die Fähigkeit der Kiefer Knochen zu brechen gegeben. Andere
Unterscheidungspunkte umfassen hauptsächlich das Gebiss.
Zu den Canini zählen zum Einem die Hunde Südamerikas (Waldhund (Speothos), Mähnenwolf
(Chrysocyon brachyurus), Waldfuchs (Cerdocyon), Kurzohrfuchs (Atelocynus), Falklandfuchs
(Dusicyon) und die Pseudoalopex).
Den jüngsten Zweig des Stammbaums bilden die Gattung des Hyänenhund (Lycaon pictus) und die
einem monophyletischen Zweig angehörenden Echten Hunden (Canis) und der Rothund (Cuon
alpinus).
I.2.2.1 Systematik der Caniden (rezente Gattungen)
- Familie: Canidae
-
- Unterfamilie: Caninae
-
- Tribus: Vulpini
-
- Gattung: Graufuchs (Urocyon)
- Gattung: Marderhund (Nyctereutes)
- Gattung: Löffelhund (Otocyon)
- Rotfuchsähnliche:
-
- Gattung: Rotfuchs, Fennek (Vulpes)
- Gattung: Eis- und Steppenfuchs (Alopex)
- Tribus: Canini
-
- Wolfsähnliche Canidae:
-
- Gattung: Hyänenhund (Lycaon pictus)
- Gattung: Echte Hunde (Canis)
- Gattung: Rothund (Cuon alpinus)
- Südamerikanische Canidae
-
- Gattung: Waldhund (Speothos)
- Gattung: Mähnenwolf (Chrysocyon brachyurus)
- Gattung: Waldfuchs (Cerdocyon thous)
- Gattung: Kurzohrfuchs (Atelocynus microtis)
- Gattung: Falklandfuchs (Dusicyon †)
- Gattung: Pseudoalopex
I.2.3 Systematik der Echten Hunde (Gattung: Canis)
Innerhalb der Gattung der Canis sind derzeit sieben rezente Arten benannt. Die
ältesten sind die drei Schakale (frühere Gattung "Thos"): Streifenschakal (Canis audustus),
Schabrackenschakal (Canis mesomelas) und Goldschakal (Canis aureus). Mit dem
Schabrackenschakal am nächsten verwandt ist der Rothund (Cuon alpinus [6]). Er ist Teil der selben monophyletischen Gruppe wie die Canis.
Zu den jüngeren Canis gehören der Äthiopischen Wolf (Canis simensis), Grauwolf (Canis
lupus), Kojoten (Auch Präriewolf - Canis latrans [1])
und Rotwolf (Canis rufus). Vom Canis latrans und Canis lupus wird angenommen, dass sie sich
vor rund einer Millionen Jahren gespalten haben, als Wölfe von Eurasia nach Nordamerika
kamen. Der Rotwolf geht wahrscheinlich auf eine kleinere Unterart des Grauwolfs zurück und
besiedelte große Teile des Osten Nordamerikas. Heute ist sein Verbreitungsgebiet stark
reduziert. Der domestizierte Wolf/ Haushund hat sich vor circa 14000 bis 47000 Jahren aus
mehreren Wolfspopulationen Eurasiens entwickelt (einigen Autoren zufolge sogar vor bis zu
136000 Jahren - [6]).
Anders als viele Jahre vermutet ist der Haushund (Canis lupus familiaris) eine reine
Unterart des Wolfs und keine Kreuzung aus Wolf, Goldschakal und anderen Hunden (siehe z.B.
[8]).
I.2.3.1 Systematik der rezenten Canis
Aufgrund seiner genetischen Verwandtschaft zu den Canis ist der Cuon Alpinus angeführt.
- Gattung: Cuon
- Art: Rothund (Cuon alpinus)
- Gattung: Canis
- Art: Streifenschakal (Canis audustus)
- Art: Schabrackenschakal (Canis mesomelas)
- Art: Goldschakal (Canis aureus)
- Art: Äthiopischer Wolf (Canis Simensis)
- Art: Kojote (Canis latrans)
- Art: Grauwolf (Canis lupus)
- Art: Rotwolf (Canis rufus)
I.3 Unterarten des Grauwolfs (Canis lupus) und Kurzportrait ihrer Situation
Die Spezies des Grauwolfs umfasst den domestizierten Wolf/ Haushund (Canis lupus
familiaris) und den Dingo (Canis lupus familiaris dingo oder Canis lupus dingo als reine
Art).
Von den 15 anderen benannten Unterarten des Wolfs ([10],
FEDEROFF und NOWAK), sind die zwei japanischen ausgestorben (Canis lupus hodophillax † und
C. l. hattai †). Die Existenz des Ägyptischen Wolfs (Canis lupus lupaster) ist nicht
nachgewiesen. Auch die Situation des Arabischen Wolfs (Canis lupus arabs) ist unbekannt.
Hinzu kommt die Unterart des spanischen Wolfs (Canis lupus signatus) die in neueren Werken jedoch wieder dem
Canis lupus lupus zugeordnet wird ([15]).
Die Lage des Italienischen Wolfs (Canis lupus italicus) ist wieder stabil (Stand 2007 - [11]) und der Europäische Wolf (Canis lupus lupus - Eurasischer Wolf) wird bei der
Rückkehr in Gebiete beorbachtet, in denen er vor 100 bis 150 Jahren ausgerottet wurde (u.a
Frankreich, Schweiz, Österreich und Deutschland). Selbst die schottische Regierung denkt
ernsthaft über eine Wiedereinbürgerung des Grauen Räubers in Nordschottland nach um Schäden
durch Paarhufer zu reduzieren (der Hauptbeutegruppe von Wölfen - siehe auch [12]).
Die finnischen, schwedischen und norwegischen Populationen sind mehr oder weniger stabil
und die in Osteuropa leicht wachsend.
Im russischen Nordasien sind der Canis lupus albus und Canis lupus communis verbreitet und
jagdbar. Der süd-östlichen Teil des Kontinents beheimatet den Canis lupus cubanensis und
Canis lupus pallipes. Alle übrigen Teile sind potentielle Reviere des Canis lupus lupus.
In Nordamerika leben derzeit der Canis lupus occidentalis (Westküste), Canis lupus arctos
(Norden und Grönland), Canis lupus nubilus (Zentral) und der Canis lupus baileyi (Mexiko).
Der Wolf der Großen Seen (Canis lupus lycaon) wird diskutiert als dem Rotwolf (Canis rufus)
zuzuordnen, da er wesentlich kleiner als seine nordamerikanischen Verwandten und genetisch
näher mit dem Canis rufus verwandt ist. ([15]) Dies bestärkt auch
die Vermutung, es handle sich beim Canis rufus um eine einst reine Art, die sich erst
später mit Wolf und Kojoten hybridisiert hat.
Diese Karte stellt keine Verbreitungskarte dar.
Die eingezeichneten Regionen sind Gebiete, in denen es wahrscheinlich ist, dass dort
angetroffene Wölfe der genannten Unterart angehören. In der Realität existieren solche
Grenzen nicht da sich Wölfe in freier Wildbahn Strecken von biszu mehreren hundert
Kilometern laufen können und sich so vermischen.
Beachten Sie auch, dass der Canis lupus dingo (reinrassig) und Canis rufus nicht zu den
Unterarten der Grauwölfe gezählt werden (Dingos sind eine Variation des Haushundes und
Rotwölfe bilden eine eigene Art). Der Canis lupus lycaon könnte bisher fälschlicherweise
als Grauwolf bestimmt worden sein und dem Canis rufus zugeordnet werden.
I.4 Zusammenfassende Klassifikation des Grauwolfs (Canis lupus)
- Animalia (Linneaus, 1758)
- Chordata (Bateson, 1885)
- Vertebrata (Cuvier, 1812)
- Mammalia (Linneaus, 1758)
- Carnivora (Bowdich, 1821)
- Caniformia(Kretzoi, 1943)
- Canidae (Fischer de Waldheim, 1817)
- Canis (Linné 1758)
- Lupus (Linné 1758)
Diese Klassifikation basiert auf den Arbeiten von FLYNN und GALIANO, die am 19.04.1982 durch das AMNH veröffentlicht wurden ([5]). Ein anderer Ansatz ist es eine Superfamile (Canoidae) anstelle der Unterordnung ([6]) einzuführen. Siehe dazu auch [13].
Vorwort | Inhalt | Verbreitung
Seite: