InhaltKapitel II - Verbreitung und Situation des Europäischen Wolfs

II.1 Zusammenfassung

In diesem Kapitel geht es um die Verbreitung und Situation des europäischen Wolfs.
Eingangs wird eine kurze Übersicht der geltenden Naturschutzrichtlinien gegeben, Ausnahmeregelungen von der Berner Konvention angesprochen, die aktuelle Verbreitung, gegenwärtige Gesetzeslage und Bedrohungen werden für jedes Land einzeln aufgeführt. Um einen tieferen Einblick in das Populationswachstum zu erhalten ist ein tabellarischer Vergleich der Wolfszahlen von 1970, den späten 1980ern sowie 2005 mit aktuellen Tendenzen gegeben. Diesem folgt eine knappe Betrachtung der Verbreitungslage und Habitate in ganz Europa.
Den Abschluss bildet ein die Erkenntnisse vereinendes Fazit, das mit den größten gegenwärtigen Gefährdungen des Wolfs in Europa endet.

II.2 Naturschutzbestimmungen für Wölfe ([1])

II.2.1 Internationale Bestimmungen

Die IUCN (Internationale Vereinigung für den Naturschutz) registrierte den Grauen Wolf 1982 in ihrer Roten Liste als verwundbar (vulnerable), seit 1996 als von geringer Gefährdung (lower risk/ least concern). CITES (Abkommen über den Internationalen Handel bedrohter Arten) klassifiziert Wölfe 1973 als gering gefährdet (lower risk/ of least concern). Es macht eine Ausnahme für den Mexikanischen Wolf (ausgestorben), Italienischen Wolf (verwundbar) und die Iberische Population (Geringe Gefärdung und schutzabhängig).

II.2.2 Europäische Bestimmungen

Die Habitats Direktive der EC 92/43 (Mai 1992) listet Wölfe als Habitatschutzbedürftig (need of habitat conservation - Anhang II) und in Anhang IV (fully protected - streng geschützt) mit Ausnahme der Spanischen Population nördlich des Duoro Flusses, der Griechisches Population nördlich des 39ten Längengrads und der Finnischen Wölfe (siehe Anhang V der Direktive).
Im Januar 1989 wurde eine Resolution durch das Europäische Parlament angenommen, die das IUCN Wolfs Manifest übernimmt, die EC einläd die Unterstützung für den Wolfsschutz auszuweiten und alle Europäischen Staaten aufruft mehr für den Wolfsschutz zu tun.

II.2.3 Berner Konvention

Wölfe sind in der Berner Konvention als streng geschützte Art aufgeführt (Anhang II - "Convention on the Conservation of European Wildlife and Natural Habitats" - Abkommen über den Schutz Europäischer Wildtiere und Natürlicher Lebensräume, September 1979). Die gesetzliche Umsetzung dieser Konvention unterliegt den Mitgliedsstaaten und wird in den meisten Ländern unterschiedlich gehandhabt, so dass die Verpflichtungen nicht in allen Ländern voll eingehalten werden.
Desweiteren haben einige Länder Ausnahmereglungen getroffen, darunter Bulgarien, Finnland, Lettland, Litauen, Polen, Slovenien, Slovakei, Spanien, Tschechien und die Türkei. Ein Empfehlungsschreiben zum Schutz der Europäischen Wölfe (Rec. Nr. 17/1989) wurde durch den ständigen Ausschuss der Berner Konvention angenommen.

II.2.3.1 Ausnahmereglungen von der Berner Konvention

  1. Canis lupus und Ursus arctos bedürfen keines Schutzes, da sie zahlreich vorhanden sind.
  2. Canis lupus und Ursus arctos ausgenommen.
  3. Recht vorbehalten die Bestimmungen der Konvention nicht auf den Canis lupus anzuwenden.
  4. Ausnahmereglung für Canis lupus als geschützte Tierart nach Anhang III der Konvention (Anstelle von streng geschützt nach Anhang II).
  5. Canis lupus unterliegt anderen Richtlinien als denen der Konvention.
  6. Ausnahmereglungen für Canis lupus und Ursus arctos.
  7. Canis lupus ist geschützte Art nach Anhang III der Konvention.
  8. Schutzregelung nicht angewandt für den Canis lupus.
  9. Ausnahmereglung für Canis lupus.
  10. Für Canis lupus und Ursus arctos können Sondereglungen in Ausnahmefällen angewandt werden.
  11. In Einzelfällen Regulierung von Ursus arctos und Canis lupus um negativen Einflüssen auf andere Arten vorzubeugen.
    Regulierungen aller Jagdmethoden in Abhängigkeit von Anhang II, III und IV der Berner Konvention.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.1 Albanien

  1. 900-1200
  2. Stabil oder leicht steigend
  3. Gesetzlich seit 1994 geschützt. In Einzelfällen Abschuss erlaubt. Mangelnder Gesetzeszwang.
  4. Gesamtes Land einschließlich der Gebirge, außer im westlichen küstennahen Tiefland.
  5. Abnehmnende Beutedichte, Abforstung, Fragmentierung und Fälle von Hybridisierung mit Hunden.

II.3.2 Bulgarien

  1. 2300 (1000 Feldstudien zu folge)
  2. Stabil seit 1997
  3. Gesetzlich als jagdbares Wild unter Wildschutz und mit gebietsweisen Einschränkungen.
    Kopfgeld von umgerechnet rund 50 Euro (Seit 2003).
  4. Hauptsächlich Bergregionen im Norden, Westen und Süden des Landes.
  5. Hybridisierung mit Hunden, Kopfgeld.

II.3.3 Deutschland ([2])

  1. Rund 25
  2. Stabil oder leicht steigend, ausbreitend
  3. Streng geschützt. Schadensausgleich von bis zu 80%. Management und rechtliche Grundlagen bisher nur in Sachsen.
  4. Östliche grenznahe Gebiete.
  5. Fragmentierung, Isolation, llegale Jagd, Verkehrsunfälle, geringe Kenntnis des Zugverhaltens, Hybridisierung mit Hunden. Fehlende Rechtsklärung außerhalb Sachsens.

II.3.4 Estland

  1. 100-150
  2. Stabil oder leicht steigend seit 2003
  3. Jagdbares Wild mit Saison vom 01.01.-31.03. (Stand 2004). Seit 2005 soll die Jagd auf adulte Pärchen untersagt sein und die Wolfszahl zwischen 100 und 200 gehalten werden.
  4. Beinahe gesamtes Land und Teile der Inseln.
  5. Illegaler Jagd, abhängig von Populationen Russlands und Lettlands.

II.3.5 Finnland

  1. 180 oder mehr (Gemeinsame Population mit Russland)
  2. Steigend
  3. Geschützt mit Ausnahme der lappländischen Rentier Landwirtschaftsgebiete (Lizensierte Abschüsse). Allgemein restriktive Abschussregelung. Voller Ausgleich für Schäden an Vieh, Hunden und halbwilden Rentieren.
  4. Östliche und Südöstliche Grenzgebiete.
  5. Konflikte aufgrund von Übergriffen auf Hunde, halbwilde Rentiere in Lappland und befürchtetem Wettstreit um Jagd auf wildlebende Elche. Ansonsten gute Akzeptanz in der Bevölkerung und ausreichender genetischer Pool in Russland.

II.3.6 Frankreich

  1. 80-100
  2. Steigend, ausbreitend.
  3. Geschützt mit Sonderregelung für "Problem" Tiere.
  4. Südöstlische alpine Gebiete.
  5. Geringe Akzeptanz bei Jägern und Schafshirten.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.7 Griechenland

  1. 500-700 (Rund 100-130 Rudel vermutet)
  2. Stabil oder leicht wachsend.
  3. Seit 1991 kein jagdbares Wild mehr und nun südlich des 39ten Längengrad streng geschützt. Ausgleich von bis zu 80% des Schadens durch die ELGA. Mangelnder Gesetzeszwang.
  4. Norden und Mitte des Landes.
  5. Fragmentatierung, Nahrungsknappheit, Gift, illegale Jagd.

II.3.8 Italien (Canis lupus italicus)

  1. Über 500
  2. Steigend
  3. Streng geschützt. Ausgleichsregelung für Schäden ist regionsabhängig sehr verschieden
  4. Berge und Gebirgige Gebiete der Apenninen und westlichen Alpen.
  5. Hohes Konfliktpotential, unterschiedliche Rechtslage, illegale Jagd.

II.3.9 Kroatien

  1. 130-170
  2. Stabil
  3. Streng geschützt mit jährlicher Jagdquote von rund 10%. Hohe Strafe für illegale Jagd.
  4. Gebirgige Regioen entlang der Küste. Nicht direkt an der Küste und im Tiefland.
  5. Gift, geringe Beutedichte.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.10 Lettland

  1. 300-500
  2. Stabil oder leicht wachsend
  3. Jagdbares Wild mit Saison vom 14.07. bis 01.04.. Schäden zwar registriert aber nicht ausgeglichen.
  4. Gesamtes Land.
  5. Keine ernsthaften Bedrohungen.

II.3.11 Litauen

  1. 400-500
  2. Wachsend
  3. Jagdbares Wild mit Saison vom 01.12. bis 01.04.. Schäden nicht ausgeglichen.
  4. Gesamtes Land.
  5. Kein Management, hohes Konfliktpotential.

II.3.12 Mazedonien und ehemaliges Jugoslavien

  1. 800-1000
  2. Stabil
  3. Jagdbares Wild ohne Schutz. Kopfgeld von rund 55 Euro.
  4. Gesamtes Land außer zentralem Tiefland.
  5. Keine ernsthaften Bedrohungen.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.13 Norwegen

  1. 23-26 (stand 2004)
  2. Abnehmend
  3. Geschützt mit Abschussgenehmigung außerhalb einer kleinen Wolfsregion im Südosten des Landes. Voller Schadensausgleich.
  4. Wolfsregion im südöstlichen Grenzbereich.
  5. Geringe Akzeptanz in der Bevölkerung, hohes Konfliktpotential mit frei laufendem, ungeschütztem Vieh, Abschüsse, geringe (instabile) Zahl an Wölfen angestrebt, Gift, Inzucht (!).

II.3.14 Polen

  1. 600-700
  2. Stabil
  3. Streng geschützt seit 1998. Mangelnder Gesetzeszwang. Schäden durch den Staat ausgeglichen.
  4. Osten und südliche Gebirgsregionen.
  5. Illegale Jagd, sinkende Beutedichte, schnelle Fragmentierung.

II.3.15 Portugal

  1. 300
  2. Stabil
  3. Streng geschützt seit 1998. Wahrscheinlich mangelnder Gesetzeszwang.
  4. Nördlich des Douro Flusses in Kontakt mit der Spanischen Population und isoliert davon südlich des Flusses.
  5. Geringe Beutedichte, Habitatszerstörung.

II.3.16 Romänien

  1. Rund 4000
  2. Stabil
  3. Geschütztes jagdbares Wild mit jährlichen Quoten.
  4. Nordwesten und zentrale Bergregion.
  5. Mangelnde Gesetzeszwang, negative Einstellung der Jäger und Hirten, Fragmentierung, Habitatsverschlechterung.

II.3.17 Schweden

  1. Rund 50
  2. Stabil oder leicht wachsend
  3. Streng geschützt. Schäden voll ausgeglichen. Geplant ist es die Population auf 20 Rudel oder 200 Tiere zu vergrößern (stabile Größe).
  4. Feste Rudel in süd-zentral Schweden.
  5. Hohes Konfliktpotential mit Jägern, illegale Jagd, Verkehrsunfälle, Isolation, Inzucht (!).

II.3.18 Schweiz

  1. Rund 3
  2. Unbekannt
  3. Streng geschützt, "Problem" Wölfe werden aber geschossen. Schadensausgleich zu 80% Staat, 20% Kanton.
  4. Vereinzelt im Südosten.
  5. Illegale Jagd, geringe Akzeptanz durch Hirten, Konfliktpotenzial, legale Abschüsse.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.19 Slovakei

  1. Rund 500
  2. Stabil
  3. Kaum bedroht ('low risk: near threated'). Gebietsweise geschützte Art mit Schonzeit vom 16.01. bis 31.10.. Schadensausgleich.
  4. Beinahe das ganze Land mit Ausnahme des südwestelichen Teils.
  5. Illegale Jagd, hohes Konfliktpotenzial.

II.3.20 Slovenien

  1. 60-100
  2. Stabil oder leicht abnehmend.
  3. Streng geschützt seit 2004. Schadensausgleich und Unterstützung für die Installation von E-Zäunen auf Weiden, die Wölfen ausgesetzt sind.
  4. Süden des Landes.
  5. Illegale Jagd, negative Einstellung der Jäger, Konfliktpotenzial.

II.3.21 Spanien

  1. 2000
  2. Wachsend
  3. Nördlich des Duoro Flusses jagdbares Wild mit jährlichen Quoten. In anderen Gebieten geschützt. Schadensregulierende Strukturen vorhandent.
  4. Nordwesten und isoliert in Andalusien.
  5. Konfliktpotenzial in Nordspanien, Fragmentierung, abnahme künstlicher Nahrungsquellen. Südliche Population is von illegaler Jagd und Isolation bedroht.

II.3.22 Tschechien

  1. 5-17
  2. Grenzpopulation abhängig von den Slovakischen Wölfen.
  3. Streng geschützt/ stark gefährdet. Schadensausgleich für Vieh seit 2000.
  4. Nordöstliche grenznahe Gebiete.
  5. Geringe Akzeptanz.

II.3.23 Türkei

  1. 5000-7000
  2. Stabil, aber abnehmend
  3. Schädling und ungeschützt. Der Wolf wird in der Türkei aktiv bejagd.
  4. Direkte Jagd, abnehmende Beutedichte, Fragmentierung.

II.3.24 Ungarn

  1. 3-6
  2. Unbekannt
  3. Streng geschützt seit 1996 mit Schadensverhütung.
  4. Nahe Slovakei und Serbien.
  5. Illegale Jagd, Isolation.

II.3 Wolfspopulationen in den Europäischen Ländern

II.3.25 Ukraine

  1. 2000
  2. Unbekannt
  3. Schädling und nicht geschützt. Kopfgeld von 20 Euro.
  4. Gesamtes Land.
  5. Fragmentatierung, Jagd, fehlende Konsistenz des gesetzlichen Rahmen.

II.4 Historischer Vergleich und Trends von 1970, des späten 1980ern ([3]) und 2005

Die Populationsgrößen sind von verschiedener Qualität und vor 1980 nur bedingt vertrauenswürdig. Aktuelle Daten sind genauer. Für einen detailierteren Bericht siehe [1] und besonders [3].

Land 1970 late 1980s 2005 Tendenz
Pop. # Pop. # Pop. # Status
Albanien ? ? 900-1200 Geschützt Stabil oder leicht steigend
Bulgarien 100 2300 (1000) Jagdbares Wild Stabil
Deutschland Ausgestorben seit 1847 wenige 25 Geschützt Stabil oder steigend, expandierend
Estland wenige 100-150 Wild Steigend
Frankreich Ausgestorben seit 1939 0 80-100 Geschützt Steigend, expandierend
Finnland 10 100 180 Teilweise geschützt Stabil oder steigend
Griechenland 300-500 >500 500-700 Teilweise geschützt Stabil oder steigend
Italien 100 (200) 300 500 Geschützt Steigend
Kroatien 50 ? 130-170 Geschützt Stabil
Lettland 50 ? 300-500 Wild Stabil oder steigend
Litauen 400-500 Wild Stabil
Mazedonien und ehemaliges Jugoslavien 800 (Bosnia-Herzegovina) 500 (Serbien & Montenegro) >2000 (Yugoslavien) 800-1000 Wild Stabil
Norwegen ? ausgestorben seit 1940 10 23-26 Geschützt, aber eingeschränkt Abnehmend
Polen 100 900 600-700 Geschützt Stabil
Portugal ? 150 300 Geschützt Stabil
Romänien 1500 2000 4000 Wild Stabil
Schweden wenige 50 Geschützt Stabil oder steigend
Schweiz 0 ? 3 Geschützt aber reduziert unbekannt
Slovakei 100 (Tschechoslovakei) 100 (Tschechoslovakei) 500 Teilweise geschützt Stabil
Slovenien 40 (Yugoslavien) 60-100 Geschützt Stabil oder sinkend
Spanien 200-600 1500-2000 2000 Teilweise gescützt Steigend
Tschechien 100 (Tschechoslovakei) 100 (Tschechoslovakei) 5-17 Geschützt Unbekannt
Türkei 5000-7000 Schädling Stabil aber sinkend
Ungarn 23 ausgestorben? 3-6 Geschützt unbekannt
Ukraine 2000 Schädling unbekannt

II.5 Verbreitung von Wölfen in Europa

Rund 15500 bis 17000 Wölfe werden im nicht russischen Europa vermutet. 5000 bis 7000 weitere in der Türkei.
Diese Zahlen umfassen die zwei Unterarten des Canis lupus lupus (gemeiner oder eurasischer Wolf) und den Canis lupus italicus (Italienischen Wolf - Italien), die getrennt voneinander leben. Abgerenzte Populationen des europäischen Wolfs (ssp. lupus) befinden sich in Spanien und Portugal (gemeinhin als Iberische Population bezeichnet). Sie wird durch den Duoro Fluss in zwei Untergruppen getrennt. Eine Dritte befindet sich im südspanischen Andalusien und könnte unter Folgen von Isolation leiden. Die Skandinavische Population teilt sich auf Schweden und Norwegen auf und geht auf nur 3 Individuen zurück, was in näherer Zukunft zu Inzuchtsfolgen führen kann.
Die Situation in Mitteleuropa zeigt ein hohes Risiko der Fragmentierung verursacht von Abholzungm und Schnellstraßen, die zu einer Isolation von speziell slovakischen, westpolnischen und deutschen Rudeln führen kann.
Dem gegenüber sind die Populationen in Europa in den lezten 5 bis 10 Jahren allgemein stabil oder sogar leicht wachsend. Größere Häufungen finden sich in Südost und Osteuropa, Nordwest Spanien, Italien und dem südlichem Skandinavien.
Mitteleuropa verzeichnet wandernde Wölfe, die aus Italien und Slovenien im Süden sowie aus der Slovakei, Polen und Russland im Osten kommen. Im übrigen Westeuropa wurden Wölfe zwischen 1700 und 1940 komplett ausgerottet und kehren seit 20 bis 25 Jahren allmählich zurück.

II.5.1 Habitate ([3])

Wölfe nutzen in Europa eine sehr große Spannweite an Habitaten. Von spärlich bewachsen bis hin zu Wälder wird jeder mögliche Lebensraum angenommen. Die Eignung eines Habitats hängt dabei oft nur von der Nahrungslage und einer geeigneter Rückzugsmöglichkeit ab. (Siehe dazu auch Kapitel 5 - Lebensräume)
In kontinentalen und mediteranen Regionen vermeiden Wölfe in der Regel offene Heideflächen. Kultivierte oder künstliche Flächen werden hauptsächlich in alpinen und borealen Gebieten genutzt.
Besonders dort wo sie bejagd werden vermeiden Wölfe dicht besiedelte Landstriche. Schnellstraßen stellen eine weitere ernsthafte Behinderung für eine Migration in Europa dar und können zur Isolation einzelner Rudel und damit zur Inzucht oder vermehrten Hybridisierung mit Hunden führen. Abforstung, Fragmentierung und sinkende Beutepopulationen reduzieren die Habitatsqualität, was einen weiteren Gefährdungspunkt ausmacht.

II.5.2 Verbreitungskarte

Verbreitung und Populationsgrößen der Wölfe in Europa

Basiert auf der Karte von REINHARDT & KLUTH ([2]).

II.6 Fazit

Die gegenwärtige Situation der europäischen Rudel ist die beste seit 20 Jahren mit leicht wachsenden und expandierenden Populationen in beinahe allen Wolfsregionen. Allgemein ist auch die Akzeptanz für Wölfe wo sie zurückkehren recht gut und das Management zeigt erste Erfolge darin Schäden auszugleichen und Konflikten vorzubeugen. Vielversprechende Habitate sind in Mittel- und Nordeuropa vorhanden, werden allerdings zunehmend von Schnellstraßen durchtrennt, die noch zu selten Wildbrücken oder andere Arten der Überquerung enthalten. Eine zunehmende Fragmentierung und Abforstung stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Lebensräume dar, wie auch stellenweise sinkende Beutedichten in Mittel-, Südeuropa und Spanien.
Konkrete Rechtsumsetzungen andererseits variieren stark zwischen den einzelnen Ländern und eine grenzübergreifende Zusammenarbeit von Regierungen und Management ist noch nicht etabliert. Die Richtlinien der Berner Konvention enthalten weitesgehend Ausnahemereglungen (siehe oben) oder bedürfen eines Rechtszwanges (u.a. in der Schweiz, Griechenland, Italien und Spanien).
In Ländern mit hohen Wolfszahlen sind weitere Gesetzeszwänge und Management mit Schadensausgleichmodellen nötig um Konfliktpotenzialen vorzubeugen, die durch Schäden an Nutzvieh oder aus Angst vor der Konkurrenz um Jagdwild entstehen (letzteres in der Slovakei, Tschechien und Ostfinnland). Der Status als jagdbares Wild ist verständlich, aber eine allgemeine Jagdsaison und jährliche Abschussquoten sollten eingerichtet werden. Besonders in Frankreich, Norwegen und der Schweiz wird sich der Schaden an Vieh vorraussichtlich verstärken, sollten Herden weiter ungeschützt bleiben. In Griechenland, Norwegen, Slovenien, der Slovakei, Schweden und den Baltischen Staaten begegnen Wölfe Gefahren durch illegale Jagd. Kopfgelder in Bulgarien, Mazedonien, der ehemaligen Jugaslovakei und der Ukraine sind ohne Quoten etabliert. Die Türkei und Ukraine führen Wölfe sogar noch immer als Schädling.

Fragmentierung und sinkende Beutezahlen sind neben illegaler Jagd die momentan größten Bedrohungen für europäische Wölfe.
Daher wird es in den nächsten Jahren eine der wichtigsten Aufgaben bleiben die Migration auch im Hinblick auf das Konfliktpotential zu beobachten und wo möglich aktiv zu managen.
Auf politischer Ebene muss ein Gesetzeszwang etabliert werden. Eine europaweite Regelung für Kompensationsverfahren und -summen scheint sinnvoll. Illegale Jagd muss registriert und mit Strafen belegt und Jagdstrafen stärker durchgesetzt werden.
Regional bedürfen Schutzmethoden wie Umzäunungen des Ausbaus und Unterstützungen wie z.B. in Slowenien wären eine Alternative um Schäden an Nutzvieh vorzubeugen.
Schnellstraßen, Flüsse und andere große Fragmentierungen sollten funktionierende Wege enthalten, die allen Arten von Wild eine Überquerung ermöglichen (z.B. wie sie in Kanada oder der neuen A20 in Nordost Deutschland eingerichtet sind). Dabei bleibt es zu bedenken, dass Wölfe solche Wildbrücken auch zur Jagd misbrauchen könnten.
Die isolierten Populationen in Schweden und Andalusien brauchen dringend frisches Blut um Schäden durch Inzucht abzuwenden. Rudel in Westpolen und Deutschland mit Entfernungen von 500km zu den größeren östlichen Populationen könnten in den nächsten Jahren ähnlichen Problemen ausgesetzt sein, sollte die Fragmentierung weiter fortschreiten.
Die Türkei und Ukraine müssen den Internationalen Schutzbestimmungen wenigstens mit Ausnahmeregelungen zustimmen.

Wichtige Eckpunkte sind also:
Der Erhalt der Beutedichte und Habitatsqualität.
Entgegen Fragmentierung zu wirken.
Eine verbindliche Rechtssituation zu schaffen und durchzusetzen.

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