Kapitel V - Verhalten der Wölfe
V.1 Vorwort zu Kapitel 5
Dieses Kapitel stammt größtenteils aus dem von Wiebke Pandikow bearbeiteten Abschnitt unserer Facharbeit und befasst sich mit der Ethologie des Wolf. Ihre Ursprüngliche Einleitung zu diesem möchte ich hier auch wiedergegeben:
Fast alle hier angestellten Betrachtungen zum Verhalten der Wölfe beziehen sich auf die Ergebnisse, zu denen Erik Zimen nach jahrelanger Beobachtung der von ihm aufgezogenen Wölfe kam. Zwar waren alle diese Wölfe an den Menschen gewöhnt und es kann so nie mit voller Sicherheit gesagt werden, ob sie sich in freier Natur auch so verhalten, aber viele Untersuchungen zum Beispiel der Verhaltensentwicklung der Welpen waren nur auf diese Art und Weise möglich. Erik Zimen hat durch seine jahrelangen Beobachtungen und Arbeiten mit den Wölfen allein einen Verhaltenskatalog, ein Ethogramm mit insgesamt über 350 Verhaltensweisen aufgestellt, und ist einer der berühmtesten Forscher, die sich mit Wölfen beschäftigt haben. Auf dem Gebiet der Ethologie ist er neben den sonst eher auf Ökologie bedachten Kollegen Okarma, Mech etc. sicher auch einer der wichtigsten.
Viele seiner Beobachtungen konnten wir bei Rudel des Wildparks in Groß Schönebeck bestätigt finden, nur dass man natürlich in 15 Tagen nicht einmal annähernd die Erkenntnisse und Theorien erarbeiten kann, wie Zimen in seiner jahrelangen Zeit mit den Wölfen. Daher werden in diesem Kapitel hauptsächlich die Erkenntnisse Erik Zimens über die Ethologie der Wölfe vorgestellt.
Wie immer Abbildungen aus rechtlichen Gründen nicht enthalten und werden mit der Zeit auf die eine oder andere Art nachgetragen.
V.2 Die Entwicklung des Verhaltens
V.2.1 Die Entwicklung des Verhaltens
Wolfwelpen werden nach etwa 61-75 Tagen Tragzeit in einer meist von
der Mutter selbst gegrabenen Höhle zur Welt gebracht. In den ersten
10 Tagen ihres Lebens beschränken sich ihre Regungen auf Winseln,
ein wenig Herumrobben und das Saugen mit dem typischen Milchtritt.
In der nächsten Dekade werden sie zwar etwas beweglicher, reagieren
auf verschiedene Reize, wie laute Geräusche oder Licht, sind aber immer
noch sehr hilflos, unbeweglich und eigentlich nur auf das Saugen an den
Zitzen der Mutter bedacht. Diese finden sie, weil sie, sobald sie mit ihrem
Kopf an etwas Warmes stoßen sich sofort in diese Richtung bewegen. So
finden sie auch ihre Geschwister, um sich untereinander zu wärmen, falls
die Mutter sich nicht in der Höhle befindet. Anfangs tut sie das aber lange,
wobei ihr Futter zunächst meist vom Alpharüden zugetragen wird
Nach 20 Tagen folgt bei den Welpen ein enormer Entwicklungssprung. Aus
den winzigen Fellknäulen mit den kurzen Beinchen, hängenden Ohren und
bis zum 14. Tag noch ungeöffneten Augen, werden kleine Wölfe. Die Beine
strecken sich und werden kräftiger, die Ohren stellen sich auf, erste, spitze
Milchzähne wachsen und die Schnauze wird insgesamt länglicher. Um ein
Vielfaches größer ist jedoch der Schritt in der Verhaltensentwicklung. Die
ersten angeborenen Verhaltensweisen, der Milchtritt, der Saugreflex,
einfache, reflexartige Reaktionen auf Umweltreize und Ansätze von
Spielverhalten – sie versuchen, sich gegenseitig zum Beispiel in den Rücken
zu beißen – werden abgelöst durch erste eigene Erfahrungen außerhalb der
Höhle, wohin die Mutter die Welpen nach 3 Wochen das erste Mal trägt.
Nach Erik Zimen entwickeln sich allein in den letzten zehn Tagen ihres
ersten Lebensmonates 60% aller „wölfischen“ Verhaltensweisen, nach
weiteren zehn Tagen sind es schon 80%, wobei letztendlich nur noch die
Verhaltensweisen, die später mit Fortpflanzung zu tun haben, fehlen, also
das Sexualverhalten, das Gebären und die Aufzucht eigener Welpen. Das
erste von Zimens selbst aufgezogenen Weibchen kümmerte sich allerdings
schon mit nur 3 Monaten um ihre zwei Monate jüngeren Welpen, was
vermuten lässt, dass auch diese Anlagen vorher vorhanden sind, nur nicht
früher ausgelöst werden, denn wenn sie selbst das erste Mal Kontakt mit
Welpen haben, sind sie 1 Jahr alt, die Geschlechtsreife erreichen sie
durchschnittlich im Alter von 2 Jahren.
Die Welpen werden etwa bis zur zehnten Woche gesäugt, danach wird ihnen,
anfänglich durch die Mutter, später mehr und mehr auch durch andere
Rudelmitligeder, Futter zugetragen.
Die Welpen erlernen die Verhaltensweisen für ihr späteres Leben vor
allen Dingen im Spiel.
Noch bevor sie selbst wirklich Fleisch fressen, oder die Möglichkeit haben,
eigene Beute zu töten, schleichen sie sich an, springen, beissen und
schütteln eine vermeintliche Beute, wie Fellstücke oder auch ihre eigenen
Geschwister. Ein großer Teil ihres Verhaltensreportoires ist angeboren,
Alles, was sie erlernen müssen, ist die richtige Verbindung einzelner
Elemente einer Handlungskette. Im Laufe dieses Prozesses treten anfangs
unsinnige Kombinationen auf, wie zum Beispiel das Zubeißen zuerst, und
das Anschleichen am Ende. Erfahrungen wiederum mit der Wölfin Anfa
zeigten aber auch hier, dass die korrekte Ausführung im Ernstfall schon
erstaunlich gut gelingt.
Grundlegend wissen Wölfe also, wie man jagt, nur was man jagt, muss
wiederum erlernt werden. Ausgelöst wird das Jagdverhalten bei allen
Wölfen durch das Fluchtverhalten der Beute. Haben sie Erfolg, ist das
eine positive Erfahrung, und der Jagdeifer für diese Art der Beute verstärkt
sich. Haben sie keinen Erfolg, bzw. müssen erfahren, dass für sie ein
Beutetier (noch) nicht erlegbar ist, lassen sie nach wenigen Versuchen
davon ab. In freier Natur kann Energieverschwendung tödlich sein,
somit müssen sie effektiv lernen, was sinnlos ist und was nicht.
Letztendlich schätzen sie ihre Chancen besser ein, als mancher Haushund.
V.2.2 Sozialisation und Flucht
Anhand seiner Beobachtungen mit verschiedenen Generationen junger
Wölfe, deren Verhalten in bestimmter Umgebung ihm oder Fremden und
später besonders anderen Wölfen gegenüber, nennt Zimen das
Sozialisation- und das Fluchtverhalten als wichtige beteiligte Faktoren
an der Entwicklung sozialer Bindungen der Welpen. Diese zwei voneinander
getrennten Erbfaktoren werden wahrscheinlich zu verschiedenen
Zeitpunkten der Entwicklung der Jungen ausgebildet und beeinflussen sich
später wechselseitig.
Zu erkennen war, dass 3 Wochen alte Welpen sich weit scheuer verhielten
als die komplett ab ihrem sechsten Lebenstag von Zimen aufgezogene
Anfa. Die Welpen zeigten Ansätze der Flucht bei der Fütterung und wurden
mit der Zeit nur noch scheuer, nur selten zeigten sie, in einiger Entfernung,
den Versuch eines freundlichen Kontaktes: sie wedelten mit dem Schwanz,
zogen die Ohren nach hinten, knickten in den Hinterbeinen ein und näherten sich dem Menschen kurz, rannten aber immer wieder davon. Vollkommen unmöglich war die Gewöhnung bei einem 5 bis 6 Wochen alten Welpen, spätestens dann ist also die Zeit einer möglichen, normalen Sozialisation an den Menschen überschritten. In einigen Versuchen wurde zwar gezeigt, dass man, mit unglaublichem Zeitaufwand, der kompletten Isolation eines Wolfes und mit Hilfe von Medikamenten auch erwachsene Tiere noch an den Menschen annähern konnte, aber natürlich entspricht dies nicht den natürlichen Bedingungen, unter denen Welpen aufwachsen. Somit wird die Sozialisationsphase innerhalb einer kurzen Periode der ersten Lebenswochen eingeordnet, und findet bevorzugt mit größeren, vertrauten Individuen statt. Da sich auch das Fluchtverhalten sehr früh entwickelt, soll so eine Sozialisation an Artfremde verhindert. Eine Sozialisation an den Menschen kann also nur stattfinden, wenn das Fluchtverhalten durch frühe Gewöhnung unterdrückt wird. Bei Hunden ist die Fluchttendenz weit weniger stark und die Sozialisationsphase länger, werden Hundewelpen doch mit 6 bis 10 Wochen erst von ihren Wurfgeschwistern und der Mutter getrennt, und entwickeln trotzdem noch eine starke Bindung an den Menschen.
In einem ihnen bekannten Gebiet, zum Beispiel nahe ihrer Höhle, begrüßen
Wolfswelpen für sie fremde Wölfe besonders stürmisch. Sie haben keine
Angst vor den unbekannten ihrer eigenen Art, oder, im Falle der Aufzucht
durch den Menschen in ihrem Revier keine Angst vor fremden Menschen.
So bevorzugte Anfa, auf dem Gehöft „ihrer“ Menschen teilweise Fremde
vor ihrem Ziehvater. Bei neu in ein anderes Rudel eingeführten Welpen
gelang dies bis zum Alter der Welpen von etwa 8 bis 10 Monaten fast
immer ohne Probleme.
Es kann vorkommen, dass sich im Sommer einzelne Wölfe oder auch
kleine Gruppen vom Rudel trennen und sich diesem erst später wieder
anschließen. Dann sind aber für sie fremde Wölfe, die Welpen im Rudel.
Diese kennzeichnen sich nun schon von weitem als solche, stürmisch
aber unterwürfig, und verhindern somit, dass die anderen Wölfe sie
angreifen. Dieses Verhalten hat also den Sinn, Aggressionen anderer,
erwachsener Wölfe zu unterdrücken, um stattdessen Pflegeverhalten
auszulösen.
V.2.3 Erlernen von Signalbedeutungen
Um mit den anderen Wölfen des Rudels kommunizieren zu können,
müssen die Welpen erst die Bedeutung der verschiedenen Signale
kennenlernen. Sie müssen die Verbindung herstellen können
zwischen der Form und der Bedeutung eines Signals. Interessant ist
hierbei wiederum, dass die Jungen zwar ein Signal ausführen, richtig
an den Empfänger „senden“ aber selbst die Signale des anderen noch
nicht verstehen. Die meisten Verhaltensweisen, die der Kommunikation
dienen, dürften angeboren sein, denn auch Anfa, die anfangs ganz ohne
Kontakt zu Artgenossen aufgewachsen ist, führte Signale korrekt und der
Situation entsprechend aus.
Welpen begrüßen erwachsene Wölfe, indem sie mit eingeknickten
Hinterbeinen, eingeklemmtem, nur in der Spitze wedelndem Schwanz
und tief gehaltenem Kopf mit angelegten Ohren auf diese zurennen.
Dabei winseln sie meist aufgeregt, und springen, wenn sie den anderen
Wolf erreicht haben, an ihm hoch und lecken ihm die Schnauze.
Daraufhin werden die Erwachsenen die Welpen beriechen, ihnen manchmal
das Fell lecken und wenn es ums Füttern geht, das im Magen transportierte
Fleisch erbrechen. Wenn die Welpen allerdings zu aufdringlich in ihrem
Verhalten werden, kann auch eine Drohung erfolgen, welche die Welpen
allerdings nicht im geringsten zu beeindrucken scheint,denn die
Erwachsenen führen die angedrohte Strafe nie aus.
So lernen auch hier die Jungen die Bedeutung von Signalen im Spiel
untereinander. Ihre Spiele sind oft besonders rauh und es gibt viel Geschrei.
Doch müssen die Welpen bis zum 8. bis 12. Monat die Signale verstehen
können, denn dann verlieren sie ihren „Babyschutz“ und müssen auf eine
Drohung richtig reagieren können. Nur wenige Signalbedeutungen sind
angeboren, dazu gehört zum Beispiel. eine Fluchtreaktion, wenn einer der
Welpen schreit, oder wenn die Mutter ein warnendes Wuffen von sich gibt.
Auch die Beißhemmung erlernen die Welpen erst voneinander. Diese soll in
der Regel verhindern, dass bei Auseinandersetzungen fest zugebissen wird
und somit jedesmal schwerwiegende Verletzungen entstehen. Dass sie bei
den Welpen nicht abgeboren ist, ist daran zu erkennen, dass ihre Spiele, wie
kurz vorher erwähnt, sehr rauh sind. Erst dadurch lernen sie, das ihr eigenes
festes Zubeissen auch festes Zubeissen der anderen zur Folge hat, der
Lernprozess beruht also auf der unangenehmen Erfahrung der Schmerzen.
Die Beißhemmung der adulten Wölfe gegenüber den Welpen, die ja hier
nicht auf der Angst vor den Welpen beruhen kann, könnte durch angeborene
Hemmungsmechanismen begründet sein. Diese werden auch von
unterlegenen Wölfen ausgenutzt. Sie machen sich klein und zeigen
etwa das Verhalten, was sonst die Welpen zum Beispiel beim Betteln
um Futter zeigen: „Ich bin hilflos, und liefere mich dir aus, als „Kind“
bin ich keine Konkurrenz“. Sie machen sich die Beißhemmung der Adulten
gegenüber den Welpen zu Nutze, was aber nicht in jedem Fall (zum Beispiel
nicht im Ernstkampf) Wirkung zeigt.
V.3 Das Verhalten im Rudel
V.3.1 Innerartliche Kommunikation
Kommunikation ist eine von einem Tier (Sender) auf ein anderes Tier
(Empfänger) gerichtete Aktion (Signal), die das Verhalten des Empfängers
verändert. Die Tiere müssen der gleichen Art angehören, wobei aber eine
Aktion auch allgemein, und nicht auf einen bestimmten Empfänger bezogen
sein kann.
Die optische Kommunikation nimmt bei Wölfen einen hohen Stellenwert ein
und enthält, da sie im Rudel leben, weit mehr verschiedene Signale. Die
Körperhaltung wird zum Beispiel zum Signal, sobald sie von der normalen,
nämlich aufrecht mit locker herunterhängendem Schwanz, glattem Gesicht
und Lippen, abweicht. Zu den verschiedenen Faktoren, die die Kommunikation
zwischen zwei Tieren beeinflussen gehören unter anderem deren Geschlecht
und Alter, der Rangunterschied zwischen ihnen wie auch der Ort des
Geschehens oder die Motivation der Tiere.
Genauere Betrachtung wurde nun den Ausdruckselementen der Angst
und der Wut gewidmet. Ein Modell dazu erstellte schon Lorenz.
Abb. Ausdrucksmodell (LORENZ)
Unter a erkennen wir die Normalhaltung, nach c wird zunehmende Angst
ausgedrückt, nach g zunehmende Wut, und bei i hätte man letztendlich
die stärkste Überlagerung der beiden.
Den ersten Einwand, den Zimen nun gegen dieses Modell vorbrachte,
waren Beobachtungen bei den Ernstkämpfen seiner Wölfe. Er beschreibt,
dass dabei vorher keinerlei Vorwarnung stattfindet. Weder akustische noch
(zumindest nicht für uns erkennbare) optische Signale bereiten den Angriff
vor. Die Körperhaltung entspricht der normalen, und demnach müsste also
an Stelle des Bildes für die größte Wut die Normalhaltung in Lorenz‘ Modell
abgebildet sein. Auch wird der Ausdruck maximaler Wut und Angst von
einem Tier nur in größter Bedrängnis und somit in höchster
Verteidigungsbereitschaft gezeigt. Dabei hat es sicher größte Angst,
doch auch größte Wut? Nach diesen Überlegungen entwickelte Zimen
sein eigenes Modell, wobei er ausgeht von der Angst (vor Verletzungen)
und von Aggression als Angriffstendenz. Trotz der Möglichkeit der
anfänglichen Überlagerung, hemmen sich diese beiden Triebe gegenseitig.
Je größer die Angst also, desto weniger Wut kann der Wolf gleichzeitig
empfinden und andersherum, bis letztendlich bei größter Angst
wahrscheinlich gar keine Wut mehr empfunden wird.
Abb. Ausdrucksmodell (ZIMEN)
Demnach bleibt bei Zimen die obere Ecke frei. Im Verhalten des Wolfes
zeigt sich die Stärke der Angst in Relation zur Angriffstendenz. Wenn
ein Wolf also beginnt, Angst zu empfinden wird er Ausdruckselemente
zeigen, die das Fehlen jeder Aggression und Angriffstendenz ausdrücken.
Erst wenn die Angriffstendenz des Gegners stärker wird, kommt es zur
Verteidigung oder letztendlich auch zur Flucht. Wenn hingegen die
Angriffstendenz steigt, kommt es zu den üblichen Rangdemonstratione
des Wolfes, greift er allerdings ernsthaft an, ist dies erst am Verhalten
selbst zu erkennen.
Die meisten aggressiven Verhaltensweisen treten aber gehemmt auf,
denn die Tiere haben Angst vor ihrem Gegner, beziehungsweise Angst
vor Verletzungen, die aus dessen Reaktion hervorgehen könnten. So wird
auch die vorher erwähnte Beißhemmung nicht nur, wie Lorenz meinte,
durch Demutsverhalten ausgelöst, sondern eben durch die Angst des
Angreifers, selbst gebissen zu werden.
Normale Auseinandersetzungen werden meist durch Drohen, Imponieren
etc. und entsprechende, unterwürfige Verhaltensweisen des Gegenübers
gelöst. Angegriffen wird oft auch nur mit Hilfe des Körpergewichts.
Nebeneinanderstehend drückt der Ranghöhere mit seinem Hinterkörper
gegen den des Gegners, welcher mehrmals gegen die Halspartie des
Gegners schnappt. Dieser wendet dann den Kopf ab, und präsentiert den
Hals.
Abb. Imponieren mit Halsdarbieten
Da mit dem Kopf die gefährlichste Waffe abgewandt ist, hört der andere meist auf zu schnappen, täte er dies nicht, wäre die Reaktion des Angreifers wahrscheinlich um vieles heftiger. An diesem Beispiel wird klar, wie fein abgestimmt das Verhältnis von Angst und Angriffstendenz des Angreifers zu Angst und Verteidigungsbereitschaft des Verteidigers ist. Beim Imponieren sind die Rückenhaare gesträubt, der Blick ist abgewandt und die Körperhaltung angespannt, beim Drohen
Abb. Drohen
handelt es sich um das bekannte Zähneblecken, jeweils etwas abgewandelt
nach Verteidigungs- oder Angriffsstellung.
Einen Ausdruck für freundliche Stimmung findet sich im schon vorher
beschriebenen Begrüßungsverhalten der Welpen. Die Aktive Unterwerfung
ähnelt diesem sehr, und es wird vermutet, dass sie aus dem Futterbetteln
entstanden ist. Allerdings zeigten Zimens Welpen schon vor der Aufnahme
fester Nahrung Ansätze von aktiver und passiver Unterwerfung.
Abb. Passive und aktive Unterwerfung
Ein Erklärungsversuch ist, dass sich im Laufe der Evolution bestimmte
Verhaltensweisen im Dienste der Signalwirkung verändert haben, auch
“Ritualisierung” genannt.
Weiterhin ist die Verständigung über den Geruchssinn wichtig. Wölfe
erkennen einander am Geruch, und sie erhalten und geben Informationen
auch durch ihr Markierungsverhalten. Besonders wichtig ist hier das
Spritzharnen. Dabei wird eine kleine Menge Urin schräg gegen einen
Gegenstand gespritzt und dabei das Bein gehoben. Normales Urinieren
in Hockstellung sowie Koten haben hauptsächlich ausscheidende Funktion
und tragen die jeweilige Geruchsinformation eher nebenbei. Das
Spritzharnen dagegen ist echtes Markierungsverhalten und wird nur von
den geschlechtsreifen und ranghohen Wölfen des Rudels ausgeführt, ein
paar Schritte daneben setzen sie meist durch Kratzen mit allen Vieren auch
noch eine optische Markierung. Untersuchungen von David Mech und Roger
Peters von freilebenden Wölfen in Minnesota ergaben, dass rund 4 mal pro
Kilometer entlang regelmäßig benutzten Wanderwegen markiert wurde, hier
besonders an Wegkreuzungen und an vorher von anderen Wölfen markierten
Stellen. Aus den Erkenntnissen, dass gehäuft an Grenzen oder
Überschneidungsgebieten von Revieren markiert wird, kann man ableiten,
dass dieses Verhalten auch der Koordination mehrerer Wolfsrudel dient. Die
verschiedenen Rudel können sich so aus dem Weg gehen und
Konfrontationen vermeiden, genauso wie auch einzelne Wölfe, für die eine
Begegnung mit einem fremden Rudel tötlich enden könnte.
In der Paarungszeit (Ranz) sind die Rüden besonders interessiert an den
Stellen, an denen zuvor das ranghöchste Weibchen uriniert hat, vermutlich
erfahren sie dadurch ihren Stand der Hitze. Oft wird dicht daneben dann
der eigene Urin abgesetzt.
Bei der akustischen Kommunikation werden die verschiedensten
Lautäußerungen, von Winseln über Knurren, Wuffen, Schreien und dem
berühmten Heulen unterschieden, dazu gibt es aber noch verschiedene
Geräusche die nicht mit den Stimmbändern erzeugt werden. Da gibt es z.B.
das ein Schnappen in der Luft, wobei durch hartes Aufeinanderschlagen
von Ober- und Unterkiefer ein dumpfer, klackender Laut entsteht, welcher
größte Verteidigungsbereitschaft signalisiert. All diese Laute erhalten ihre
Bedeutung vor allen Dingen im Zusammenhang mit dem gesamten Verhalten
der Wölfe. Dem berühmten Heulen werden verschiedenste Funktionen
zugeschrieben, unter anderem um Kontakt zu anderen, von der Gruppe
getrennten Mitgliedern zu halten oder zu suchen. Auch eine mit der
Geruchsmarkierung vergleichbare, territoriale Funktion wird ihm
zugeschrieben. Auf jeden Fall bedeutet das Heulen einen starken Auslöser
für jeden anderen Wolf, auch zu heulen. Dies wollte sich die Biologin Sabina
Nowak bei ihrem Workshop zunutze machen, versammelte sich mit den
Beteiligten in einiger Entfernung zum Dorf in der Nacht im Wald, und
versuchte, durch eigenes Nachahmen dieser Laute, eine Antwort des dort
lebenden Rudels zu erhalten. Leider war dies in jener Nacht nicht von
Erfolg gekrönt, doch auch im Wildpark konnten wir das dortige Rudel
heulen hören.
Bei der taktilen Kommunikation, ist der Schnauze-Fell und der
Schnauze-Schnauze-Kontakt unter den Tieren zu erwähnen, welche, je
nach Rang der Tiere relativ häufig stattfinden.
An einem Beispiel aus dem Spielverhalten der Wölfe kann man schließlich
erkennen, wie wichtig es für das Verstehen von Bedeutungen ist, dass die
Wölfe sich untereinander “kennen” und gegenseitige Absichten aus vorher
miteinander gemachten Erfahrungen schließen können. Bei der von Zimen
als “Spielattacke” bezeichneten Variante des Spielverhaltens, wird das
“Opfer” unter starkem Fixieren angeschlichen, und schließlich mit
hopsenden Bewegungen anrennend angegriffen. Wenn überhaupt,
dann zeigt der Angreifer erst in den letzten Momenten vor dem Kontakt
mit dem Opfer etwa durch Zickzacksprünge, dass es sich um ein Spiel
handelt. Nun rennt das Opfer nicht weg, sondern stellt sich und beide
spielen. Diese Attacke ist äußerlich kaum von einer echten, aggressiven
zu unterscheiden, und schließlich können auch bei Wölfen spielerische
Attacken “geblufft” sein und leicht in aggressives Verhalten übergehen,
doch da der eine Wolf den anderen kennt, können sie sich in vielen Fällen
aus Erfahrungen miteinander verstehen. Daraus ergibt sich ein Teil
signalunabhängiger Verständigung. In vielen Fällen kann ein Signal auf
ein Minimum beschränkt werden und wird trotzdem noch verstanden.
Diese Möglichkeit spart Enerige, ein Signal jedesmal vollständig und
genau auszuführen. In wirklich wichtigen Bereichen aber, wie z.B. bei
Verhaltensweisen der Unterwerfung und der Rangdemonstration werden
alle Signale trotz Gewöhnung immer in eindeutiger, kompletter Form
ausgeführt.
V.3.2 Struktur und Funktion des Rudels
In einem allgemeinen Modell eines Rudel findet sich das Alphapaar,
also die beiden ranghöchsten Wölfe des Rudels, an der Spitze. Zu ihnen
können sich ein oder mehrere Erwachsene, meist Rüden gesellen, welche
in der Regel Wurfgeschwister oder Kinder eines der beiden Alphatiere sind.
Den Rest bilden dann alle überlebenden dies- und letztjährigen Jungtiere.
Die Juvenilen, also die Jungen vom Vorjahr, bilden in größeren Rudeln oft
eine Art „Pufferzone“ zwischen den Ranghöchsten und den jüngsten Wölfen.
Zimen beobachtete dies in allen seinen Rudeln und nannte diese Gruppe
von Tieren die „Halbstarkenbande“. Zwar gibt es innerhalb dieser Gruppe
schon einige Konflikte um Statusfragen, doch gegenüber dem Rudel treten
sie immer in geschlossener Gruppe auf. Oft können sie der Grund für das
Ausscheiden eines Wolfes sein, denn sie greifen zwar nicht selbst an,
aber fallen in fast jeden ausgebrochenen Kampf mit ein. Dann lassen sie
sich, nachdem der eigentliche Angreifer durch Demutsverhalten
zufriedengestellt ist, auch dadurch nicht beeinflussen und der Verlierer
muss das Rudel verlassen. In diesen Gruppen gibt es oft einen
„Klein-Alpha“, also einen innerhalb der Gruppe ranghöchsten Wolf.
Ein alles entscheidender „Leitwolf“ ist nicht existent, vielmehr sind es
die Bindungen der ranghohen Wölfe untereinander, die den
Zusammenhalt des Rudels bestimmen. Je höher der Rang eines
Wolfes, desto häufiger nimmt er Kontakt zum Beispiel
Fell-Schnauze-Kontakt zu den anderen Wölfen des Rudels auf,
bzw. wirkt einen starken Einfluss auf andere aus, ihm zu folgen.
Dies kann aber auch durch die Größe der Gruppe und durch den Rang
des folgenden Tieres beeinflusst sein. Rangniedrigere entfernen sich
leichter, als ranghohe Tiere.
Die Zuneigung der Welpen ist anfangs zu allen Mitgliedern des Rudels
anscheinend gleich stark. Bald schon, mit etwa 4 Monaten, werden die
Juvenilen und Subdominanten nur noch um Futter angebettelt, vor den
Alphawölfen wird hingegen immer öfter spontanes Demutsverhalten
gezeigt. Die anderen Tiere werden also schon nach der Rangordnung
unterschieden, bevor die Welpen selbst überhaupt in diese Rangordnung
eingegliedert werden. Im Herbst folgt dann auch die Differenzierung nach
Geschlecht, das heißt, dass alle Jungwölfe sich unterwürfig gegenüber dem
Alpharüden zeigen, aber nur noch die Weibchen gegenüber der Alphawölfin.
Auch die geschlechtsgebundene Rangordnung ist also jetzt erkannt.
Die Welpen haben untereinander eine sehr starke Bindung. Dies ist
besonders wichtig, wenn sie beginnen, sich vom Rudel zu entfernen.
Tests haben gezeigt, dass ein einzelner Welpe nicht vermisst wurde,
sobald aber zwei oder mehr verschwanden, wurde mit Suchverhalten
reagiert. Bis zum Spätherbst ist die Bindung der adulten Wölfe an die
Welpen noch sehr stark, verändert sich aber dann. Es wird nicht mehr
ständig Kontakt mit den Kleinen gesucht. Dafür wird aber nun deren
Bindung an die Älteren stärker, die Welpen folgen ihnen dicht auf,
was es dem Rudel ermöglicht, wieder größere Wanderungen zu unternehmen.
Erst mit 10 Monaten werden sie wieder selbstständiger. Sie könnten
sich dann theoretisch selbst ernähren.
Die Rudelgröße bleibt an sich ab einer bestimmten Mitgliederzahl
durch regelmäßigen Zuwachs durch Welpen und Abgänge durch
ausgeschiedene Wölfe gleich. In den von Zimen beobachteten Rudeln
blieben die heranwachsenden Jungwölfe meistens bis zur Geschlechtsreife
im Rudel und wenn die Rangordnung in den höheren Rängen stabil war,
verließen sie dann auch früher oder später die Gruppe. Wenn die
Verhältnisse eher instabil waren, konnten einige dieser “Halbstarken“
in die oberen Reihen vorstoßen und somit im Rudel bleiben. Ein hoher
Rang bringt also entweder die Möglichkeit, im Rudel zu verbleiben,
oder bei den Älteren, sich direkt an der Reproduktion zu beteiligen.
Ein hoher Rang erhöht die persönliche Eignung (fitness), also die
Möglichkeit, eigenes Genmaterial in die nächste Generation zu überführen.
Warum kümmern sich dann aber die rangniedrigeren Wölfe um die Welpen
des Alphapaares, die ja nicht ihre eigenen sind? Die Theorie der
„Gesamteignung“ (inclusive fitness) unter anderem von Hamilton
eingeführt, besagt, dass die Gesamteignung eines Tieres sein
individueller Beitrag zu Fortpflanzung seiner Gene [ist,]
zuzüglich des Beitrages, den es zur Fortpflanzung der gleichen
Gene durch verwandte Tiere leistet.
Demnach gilt also: je verwandter zwei
Tiere, je höher also der Prozentsatz des gleichen Genmaterials ist, um
so mehr lohnt es sich für eines der Tiere, die eigene Reproduktion
zugunsten des Fortpflanzungserfolges des verwandten Tieres
zurückzustellen. Dieses Verhalten könnte sich innerhalb der Evolution
entwickelt haben, indem die Träger eigennütziger Gene und somit diese
selbst immer weniger wurden. Das ist aber nicht bewiesen und bleibt
somit Theorie. Sie könnte aber eine Erklärung dafür liefern, warum
Wölfe nicht immer unbedingt versuchen, ihren Rang zu verbessern.
Bei den Juvenilen ist natürlich der hohe Rang wichtig, um im Rudel zu
bleiben, aber ältere Wölfe versuchen nicht nur ständig, ihren Rang zu
verbessern. Hier herrscht ein Gesamtgleichgewicht zwischen den Interessen
des Individuums und denen der übergeordneten sozialen Gemeinschaft.
V.3.3 Rangordnung
Eine Rang- oder Dominanzbeziehung zwischen zwei Tieren beruht auf der
Einschätzung der Stärke des anderen in Relation zur eigenen in einer
bestimmten Situation. Sie entspricht also nicht unbedingt dem wirklichen
Kräfteverhältnis und muss auch nicht notwendigerweise durch eine direkte
Konfrontation erfahren werden.
Letzteres zeigte sich, als eine größere und
kräftigere Wölfin in Zimens Rudel lange Zeit unter einer anderen Alphawölfin
verblieb, und sich zweimal ein Rüde durch Umschichtungen in der gesamten
Rangordnung auf der Stellung des Beta-Rüden wiederfand, ohne eine
Konfrontation hinter sich zu haben.
Die Rangbeziehung drückt sich unter anderem im individuellen Freiheitsraum,
den ein Tier im Umgang mit einem anderen hat aus, das heißt, in deren
jeweiligem Zugang zu bestimmten Objekten etc.. Je größer der Unterschied
zwischen dem Freiheitsraum der Partner ist, desto größer ist auch ihr
Rangunterschied. Eine Rangbeziehung ist Verschiebungen unterworfen,
da beide Partner versuchen, ihren Freiheitsraum auszuweiten. Hierbei
findet man sowohl stabile als auch instabile Gleichgewichtszustände. Ein
stabiler Zustand entsteht meist, wenn es lediglich darum geht, den
momentanen Freiheitsraum zu erhalten oder nur auf ein bestimmtes
Objekt auszuweiten, z.B. beim Futter. Instabil wird es in Hinsicht auf
die soziale Stellung des Wolfes im Rudel. Hier kommt es vor, das
neben der Erweiterung des eigenen Freiheitsraumes der eines anderen
eingeschränkt wird. Die Stellung zueinander kann man am
Ausdrucksverhalten der Tiere erkennen, die gesamte Rangordnung
ist aber mehr als nur die Summe aller Zweierbeziehungen. Natürlich
findet man Querverbindungen zwischen unterschiedlichen
Situationsrangordnungen, diese müssen aber nicht gleichartig sein.
Ein Wolf, der am Futter den Vorrang hat, kann z.B. im sozialen
Geschehen unterlegen sein. Dieses zeigte sich beim Rudel im Wildpark
Groß Schönebeck: der eigentliche Alphawolf war kastriert, und somit
zwar noch „der Stärkste“ und beim Fressen der „Futteralpha“, aber in der
Rangordnung und bei der Paarung mit dem Alphaweibchen stand ein
anderer Wolf an erster Stelle.
Zimen entwickelte nun anhand verschiedener Beobachtungen ein
„erstes Modell der sozialen Rangordnung“: Bei Auseinandersetzungen,
in denen es sich um die Stellung des Wolfes im sozialen Geschehen
dreht, findet man zwei voneinander getrennte Rangordnungen für Rüden
und Weibchen, da diese Auseinandersetzungen nur zwischen
gleichgeschlechtlichen Wölfen stattfinden. Spätestens nach einem
Jahr erkennen junge Wölfe sowohl ihr eigenes, als auch das
Geschlecht der anderen Rudelmitglieder. Besonders bei hart
umkämpften Positionen im Rudel sind dies nicht nur
Auseinandersetzungen zwischen zwei Tieren, sondern der Rest des Rudels
beteiligt sich daran, besonders natürlich die jeweils gleichgeschlechtlichen
Wölfe. Jede Veränderung innerhalb der Rangbeziehung zweier Wölfe führt
zu einer Häufung des aggressiven Verhaltens im gesamten Rudel, dagegen
wiederum dämpfen stabile Verhältnisse die Aggressionen. Soziale
Beziehungen von gleichgeschlechtlichen Tieren sind vermutlich auch
von inneren, hormonellen Faktoren abhängig, zum Beispiel zeigt sich
in den Wintermonaten zur Ranz beim Alphaweibchen eine besonders
hohe Tendenz, Rangniedrigere zu unterdrücken.
In einer Erweiterung dieses Modells befasst sich Zimen mit der Dynamik
und Struktur der sozialen Rangordnung:
Abb. Das Verhalten von zwei Wölfen ja nach Rangverhältnis
Die Beziehung zwischen zwei Wölfen A und B kann entweder ohne
Rangdifferenz sein, oder A ist dominant gegenüber B. Wenn letzteres
der Fall ist, können wieder 3 verschiedene Arten der Beziehung
unterschieden werden, die im Bild zu sehen sind:
- Stabiles Rangverhältnis (mitte): die Kontaktaufnahmen sind freundlich, Spielverhalten ist zu erkennen, oft zeigt sich der Ranghöhere nur durch den leicht höher gehaltenen Schwanz.
- Unterdrückungsversuche des Ranghöheren (unten): zu Beginn ist noch Spielverhalten zu erkennen, dass aber durch A bald aggressiver wird, A imponiert, springt B an, welcher sich zunächst unterwirft und Demutsverhalten zeigt, aber bei fortschreitender Aggressivität durch A letztendlich sogar zur Flucht gezwungen werden kann.
- Expansionstendenz des Rangniedrigeren (oben): wieder Anfänge im Spiel, wenn A diese nicht deutlich genug abwehrt kommt es zur weiteren Anspannung der Situation, es folgen Droh- und Imponierauftritte und letztendlich der Ernstkampf; ein neues Rangverhältnis entsteht, wenn der Angegriffene den Ernstkampf ganz verliert, also flieht oder sich nur noch verteidigt.
Bei der 2. und 3. Situation können die Kämpfenden von anderen
Rudelmitgliedern Hilfe in Form von einfachem Schnappen nach
dem einen Gegner oder auch hemmungslosem Miteingreifen
bekommen. Bei einem Ernstkampf wäre Demutsverhalten des
Unterlegenen nutzlos, und wird auch nicht ausgeführt, denn der
Gegner würde nur weiter hemmungslos angreifen. Wenn der Verlierer
feststeht, kann es je nach Verhalten der anderen Rudelmitglieder dazu
kommen, dass er zum „Prügelknaben“ (von uns wegen dem Gegenstück
zum Alphawolf meist als „Omega“ bezeichnet) wird. Er wird nur noch
angegriffen, hat auch seine vielleicht vorher dominante Stellung zu allen
anderen Rudelmitgliedern verloren und scheidet aus dem Rudel aus. In
manchen Fällen hält sich dieser Wolf weiterhin in der Nähe der Gruppe
auf und zeigt wieder Versuche der Kontaktaufnahme. Er zeigt zunächst
aus Entfernung immer Demutsverhalten zum Alphawolf und nähert sich
ihm eventuell in spielerischer Haltung. Wenn ihm eine Annäherung gelingt,
kann auch das Verhältnis der ehemaligen Feinde wieder freundlich-tolerant
werden.
Nach diesen „Gesetzmäßigkeiten“ werden die oben genannten Merkmale
der sozialen Rangordnung ergänzt:
An der Spitze steht oft ein älterer Wolf und somit ist die Rangfolge oft
nach Alter strukturiert.
Zwischen ranghohen Wölfen sind die Rangunterschiede stark, bei
Rangniedrigeren weniger ausgeprägt, bei den Welpen gar nicht vorhanden
(ihre Auseinandersetzungen beziehen sich mehr auf augenblickliche
Interessenkonflikte wie z.B. ums Futter).
Bei starkem Druck von oben verwischen die Rangunterschiede zwischen
den Rangniedrigeren.
Innerhalb gleichaltriger Untergruppen des Rudels (außer Welpen) gibt es
eine soziale Rangordnung im Kleinen (die „Halbstarken“).
Zwischen erwachsenen Wölfen verschiedenen Geschlechts gibt es keine
Rangordnung, wenn sie etwa auf gleicher Stufe der weiblichen oder
männlichen Rangordnung stehen, erst bei größeren Unterschieden im
Alter oder in der Position existiert auch dort eine Rangordnung, die aber
nicht zu Rangkämpfen führt.
In Zimens von ihm bobachteten Rudel fiel die besonders starke
Aggressivität der Weibchen untereinander auf, auf die bald noch
ein Blick geworfen wird. Nach häufig auftretenden Ernstkämpfen,
ohne vorheriges Drohen und ohne Beißhemmung wurde die Verliererin
immer ausgestoßen und das geschah teilweise mit sämtlichen
geschlechtsreifen Weibchen. Auch im Wildpark waren alle 3
„Prügelknaben“, also die Ranguntersten bzw. schon aus dem Rudel
ausgestoßenen Wölfe Weibchen und es gab keine Zusammenschlüsse
der Ausgestoßenen untereinander. Bei Rüden waren die
Auseinandersetzungen weit weniger aggressiv, es wurde eher gedroht
oder imponiert und kaum fest gebissen. Der direkte Kampf war nur
beschränkt auf die in der Rangordnung direkt benachtbarten Tiere,
wobei es bei den Weibchen die Alphawölfin auch auf die unerfahrensten
und für sie am wenigsten gefährlichen Tiere abgesehen hatte.
V.3.4 Aggressivität
Im Verlauf des Jahres sind im Wolfsrudel Häufungen aggressiven Verhaltens
zu bemerken und auch Zeiten, in denen kaum Auseinandersetzungen
stattfinden. In Zusammenhang wird dies gebracht mit verschiedensten
Faktoren, besonders mit der wechselseitigen Wirkung endogener und
exogener Faktoren.
In den Sommermonaten, wenn das Rudel mit der Aufzucht der Welpen
beschäftigt ist, und die innerliche, endogene Komponente der aggressiven
Handlungsbereitschaft gering ist, sind nur wenig Auseinandersetzungen
zu verzeichnen, zum Herbst hin mit dem Älterwerden der Welpen steigt
die aggressive Handlungsbereitschaft zwar schon an, aber da noch die
feste Rangordnung aus dem Sommer herrscht, werden wirkliche
Auseinandersetzungen weitestgehend unterdrückt. Langsam werden
die Beziehungen gespannter, auch bei den Welpen zeigen sich erste
Ansätze von Konflikten, die Juvenilen zeigen Expansionstendenz nach
oben, die Älteren zeigen Unterdrückungsversuche nach unten und
schließlich kommt es zu ersten Rangwechseln. Diese nun veränderen
Rangbeziehungen zwischen Einzelwölfen haben wiederum Einfluss auf
andere und bald wird die Rangordnung von unten noch oben hin instabil,
bis auch zwischen den Älteren mit ihren festeren Rangbeziehungen die
ersten Konflikte auftreten. Mit der Zeit entsteht eine neue Rangordnung,
ein neues Gleichgewicht, welches nun wieder zu einem Absinken der
Aggressionen führt. Die Ranz setzt ein, die, abgesehen vielleicht vom
Verhalten des Alphaweibchens, relativ friedlich und ohne große Kämpfe
ausgeht. Danach verringert sich schlagartig die endogene
Antriebskomponente, auch das Alphaweibchen beruhigt sich letztendlich
wieder, die Unterdrückung der Subdominanten geht zurück. Nun, durch
das Nachlassen des Drucks von oben kommt aber wieder Bewegung in die
Ordnung, neue Rangwechsel finden statt, die zum Ende hin wieder in ein
neue, stabilere Phase treten, sodass zum Sommeranfang mit den neuen
Welpen und den neuen Aufgaben des Rudels auch wieder die Aggressionen
nachlassen.
Das Verhalten hat also sowohl endogene als auch soziale Ursachen.
Die noch vom Sommer übriggebliebene festgefügte Ordnung verhindert,
dass die endogene Antriebssteigerung sich sofort in offen ausgetragener
Aggressiviät entlädt, im Frühjahr ist es umgekehrt: ein Nachlassen der
endogenen Antriebe nach der Ranz und somit auch ein Nachlassen der
Unterdrückung bedingen, dass die Konflikte zwischen rangniedrigeren
Wölfen bei der Neuordnung ihrer Beziehungen zunächst zunehmen, und
sich dann wiederum bis in die höheren Reihen des Rudels vorarbeiten.
Demnach ist es also der äußerliche Faktor der Rangordnung an sich,
der im Herbst den verzögerten Anstieg und im Frühling den verzögerten
Abstieg des aggressiven Verhaltens bedingt. Die Aggressivität wird also
erst durch die Hierarchische Struktur der Rudels in relativ geregelten
Bahnen gehalten. Sie ist somit weder ausschließlich eine Frage spontaner
endogener Antriebssteigerung, noch ein rein sozial, also durch das Rudel
bestimmtes Verhalten.
Aggressives Verhalten entsteht [...] bei der Auseinandersetzungen des
Individuums mit seiner sozialen Umwelt in einem außerordentlich fei
abgestimmten System wechselseitiger Antriebs- und
Hemmungsmechanismen.
Aggressivität ist zwar im Interesse des Einzelnen für die Konkurrenz
mit den Artgenossen vorhanden, sie würde aber in ungehemmter Form
die soziale Einheit des Rudels sprengen. Deshalb wird sie durch die
hierarchischen Organisation so gedämpft, das wenigstens zeitweise
relativ stabile Verhältnisse geschaffen werden, was die Durchführung
lebenswichtiger Aufgaben ermöglicht.
V.4 Jagdverhalten
Das Repertoire an Verhaltensweise für die Jagd ist gegenüber anderen
Caniden relativ hoch und variiert je nach Areal, Beute und Jagdbedingungen.
Wölfe prüfen auf der Suche nach Beute regelmäßig konstante Wechsel
in ihrem Revier. Dabei traben sie mit durchschnittlich 10 bis 12 km/h.
Nehmen sie dabei eine Witterung auf, folgen sie dieser und schleichen
sich bis auf wenige Meter an ihre Beute heran, wobei sie geschickt jede
noch so kleine Deckung nutzen. Merkt die Beute seine Anwesenheit, so
kommt es zur Konfrontation und beide Tiere stehen sich für einen kurzen
Augenblick gegenüber. Bleibt das Beutetier stehen und ist bereit sich zu
verteidigen, so kann es passieren, dass der Wolf von seinem Vorhaben
ablässt. Rennt die Beute jedoch los, setzt der Wolf sofort zur Verfolgung
an. Im vollen Galopp kann er dabei Geschwindigkeiten von 50 bis 65 km/h
erreichen. Schafft er es nach kurzer Hatz seine Beute einzuholen, so erfolgt
ein Angriff auf die Flanke, Hinterteil, Rücken oder Nase des Tieres.
Geschichten von einem Biss in die Achillesferse gehören in das Reich der
Märchen. Ein Wolf würde sich dabei direkt der Gefährlichsten Waffe seiner
Beute (der Hufe) aussetzen.
Bei der Jagd im Rudel werden häufig komplexe Jagdtechniken angewandt,
bei denen in der Regel ein Beutetier von seine Gruppe getrennt und auf eine
Gruppe von Wölfen, beziehungsweise ein unüberwindbares Hindernis
zugetrieben wird. Wenn es sich anbietet nutzen sie auch landschaftliche
Besonderheiten wie zum Beispiel vereiste Flächen oder Abgründe zu ihrem
Vorteil.
Dennoch ist der Jagderfolg in der Regel gering. MECH beobachtete 1966
eine Gruppe von Wölfen (15 bis 16 Tiere), die über einen längeren
Zeitraum 131 Elchen aufspürten. 54 Elche konnten fliehen, bevor die
Wölfe überhaupt nahe kamen. 24 verteidigten sich indem sie sich ins
Wasser stellten. Letztendlich wurden 53 Elche eingeholt, von denen
wiederum 34 fliehen konnten und sich 12 im Wasser verteidigten.
Von den verbliebenden 7 Tieren, die angegriffen wurden konnten
6 gerissen und eines verletzt werden.
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